Situation vor Gründung des Friedhofs im
Jahre 1881

Rosemarie Köhler Wissenswertes über Friedenau (Berlindabei - Friedenau & Umgebung 2)

In der „Vossischen Zeitung“ im Mai 1871 erschien ein Aufruf zur Grün­dung eines Landerwerb- und Bau­vereins. „(Ich) ersuche die­jenigen, welche sich bei einer solchen Baugesellschaft beteiligen wollen, um gemeinschaftlich Wohn­häuser und die dazu pas­senden Gärten vermittels einer Summe, welche die jetzt zu zah­lende Miete nicht übersteigt, zu erwerben, mir dies recht bald mitzuteilen, es soll dann eine Versammlung der Angemeldeten einberufen werden. Beamten, Pensionisten, Lehrern, Künstlern, Literaten und allen denen, deren Einkommen nicht so rasch und im gleichen Maße als die Wohnungsmiete steigt, kann ich das Unternehmen auf das angelegentlichste empfehlen. David Born, Karlstr. 18“.1
Es dauerte nicht lange! Bereits am 9. Juli 1871 beschlossen einflussreiche Herren – ihre Namen sind zum Teil noch heute
auf Friedenauer Straßenschildern zu sehen – die Gründung des „Land­erwerb- und Bauvereins auf Aktien“. Zum Aufsichtsrat gehörten u.a Bankier Kämpf, Rechnungsrat Fröauf, Kanzleirat


Blan­ken­berg, der Lehrer Konsentius, Geheimer Rechnungsrat im Kriegs­ministerium Hacker, Baumeister Hähnel. Schrift­­führer wurde der volkswirtschaftliche Schriftsteller, Mit­in­haber und Direk­tor von mehreren Berliner Baugesellschaften David Born (1817–1879). Diesem Gremium versprach Born auch, in dem neuen Ortsteil keine Fabriken, mehrstöckige Wohn­häuser und vor allem keine Pro­letarierwohnungen zu errichten. Dies hatte der erste Besitzer des Geländes, der Hamburger Kauf­mann Wilhelm von Carstenn, bei dem Verkauf an den Bau­verein zur Bedingung gemacht.
Bevor die Siedler strömten und sich die ersten Spaten in den märkischen Sand bohrten, musste aber die wichtige Frage nach einem passenden Namen für den neuen Ortsteil entschieden werden. Hier erwies sich die Gattin des  Baumeisters Hähnel als praktisch-politische Poetin. Ihr Vorschlag fand die Zustimmung der Mehrheit: „Frieden in der Au“ – zusammengezogen Friedenau – zur Erinnerung an den Friedensschluss, der den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zugunsten Deutschlands beendet hatte. Das erste Friedenauer Wappen zeigte folgerichtig einen Friedensengel mit Palmzweig in der Hand.
Jetzt ging es los! Direktor David Born hatte von Wilhelm von Carstenn das Rittergut Deutsch-Wilmersdorf mit rund 11 Hektar für 28 000 Taler gekauft. Durch Zukäufe erweiterte sich die Fläche auf 141 Hektar. Unmittelbar nach dem Landerwerb wurde der Bebauungsplan aufgestellt und die Besiedlung vorbereitet. Noch vor Beginn des Winters 1871/72 kamen Entwässerungsröhren in die Straßenzüge, die teilweise schon gepflastert und mit Bäumen eingefasst waren.
Im Frühjahr 1872 bezogen die Bauherren Geheimer Sekretär Sottek und Geheimer Rechnungsrat Hacker die ersten Häuser. An jeder Ecke waren Handwerker am Werk, es ging sichtbar aufwärts, aber die allgemeine Stimmung ließ zu wünschen übrig: Im Oktober des Jahres 1872 versammelten sich die Friedenauer zu einer Protestversammlung. Nun lebten bereits 120 Ein­wohner in 12 fertigen Häusern, 44 Häuser waren noch im Bau. Doch es fehlten Kaufläden, Bäcker und Schlachter. Außer frischer Luft und gutem Brunnenwasser war nicht viel vorhanden, was den Pionieren das Leben erleichterte. Ein Anwohner beschrieb die Situation so: „Wie in die Felder hineingekrochen (lagen) ein­zelne Häuschen, durch Kornfelder und unwirtliches Land voneinander getrennt, jedes in Einsamkeit für sich, des Abends im Innern von Petro­le­um­lampen erleuchtet, außen tiefe Dunkel­heit, und wehe dem Ansiedler, der es wagen wollte, an Regen­tagen den Nachbarn zu besuchen; tiefe Re­gen­pfützen auf ungangbaren Wegen und schlecht gepflasterte Straßen straften ihn für seinen Übermut.“ 2
Allmählich verbesserte sich die Situation. Die Gemeinde­ver­ord­neten – Kanzleiräte, Buchhändler, Fabrikanten und der verdienstvolle Professor Dr. Petersilie als Gemeindeschöffe – wetteiferten miteinander, um aus dem klei­nen Friedenau ein großes und ansehnliches Gemein­wesen zu schaffen. Die Bewohner freuten sich über jede Verbesserung, zunächst über die Einrichtung eines Omnibusverkehrs nach Berlin. Ein Briefkasten wurde auf­ge­stellt, die Post kam zweimal täglich und Nacht­wächter dreh­ten allabendlich ihre Runden. Man errichtete Schulen, plante Kir­chen­bauten, Kindergärten und Spielplätze.
Eine weitere wesentliche Verbesserung der Verkehrsverbindung nach Berlin und Potsdam konnte durch die Eröffnung der Eisenbahn­halte­stelle „Friedenau“ erreicht werden.
Rosemarie Köhler

 

(1) G. Wollschläger, Chronik Friedenau (2) „Friedenauer Lokalanzeiger“, 1872