Herr KitzeowAßmannshauser Straße 15

Geburtsstätte des ersten
Lichtleiterkabels in Deutschland

von Hans-Joachim Kitzerow

(Berlindabei - Rüdesheimer Platz & Umgebung Ausgabe 6)

 Wer vom Rüdesheimer Platz auf die Aßmannshauser Straße in Richtung Heidelberger Platz zusteuert, stößt an der Ecke Hohen­steiner Straße auf ein fast fensterloses Technikgebäude, das sich so gar nicht in das denkmalgeschützte Gebäudeensemble dieser Ge­gend einfügt. Es ist die Vermittlungsstelle der Deutschen Telekom, die auf Kleingartenland errichtet wurde und im August 1968 mit rund 9000 Fernsprechteilnehmern, die die Rufnummern 821 bzw. 822 erhielten, in Betrieb ging. In monatelangen Vorarbeiten wurden hier die technischen Vermittlungseinrichtungen aufgebaut, Leitungen zu anderen Vermittlungen geschaltet und Anschluss­lei­tun­gen der bestehenden Fernsprechteilnehmer in dieser Ge­gend, die bis dahin zu anderen Vermittlungsstellen geführt waren, mit den neuen Kabeln aus der Vermittlungsstelle 821/822 verknotet, um am Tag der Inbetriebnahme der neuen Einrichtungen alles störungs- und möglichst unterbrechungsfrei umschalten zu können. Da im Ge­gensatz zu Strom-, Wasser- und Gasnetzen für jeden Teilnehmer eine eigene Leitung bis zur Zentrale geführt werden muss, ist die Ein­schal­tung einer neuen Vermittlungsstelle mit mehreren Tausend An­schlüssen ein Großereignis, das von den beteiligten Technikern hohe Konzentration und schnelles Handeln erfordert.


Assmannshauser StrasseEine besondere Bedeutung sollte dieses Gebäude jedoch in den 1970er Jahren erlangen. Die weltweite große Nachfrage nach Fern­mel­deeinrichtungen ließ befürchten, dass eines Tages die Kupfer­vorkommen nicht mehr ausreichen wür­den, den Bedarf der Industrie an Leitungs­mate­rial zu decken. Einige Jahre zuvor war man schon dazu übergegangen, Blei, das man bis dahin zur Ummante­lung der Fernmeldekabel nutzte, durch Kunststoffe (PVC, PE) zu er­set­zen. Bei den Leitungen war man jedoch weiterhin auf das gut leit­fähige Kupfer angewiesen. So experimentierten weltweit Wissen­schaftler an der Aufgabe, Kupfer- durch Glasleitungen zu ersetzen, denn Glas gab es buchstäblich wie Sand am Meer. Glas ist aber kein Lei­ter, kann also nicht zur Stromübertragung benutzt werden. Wenn es jedoch gelänge, Licht durch das Glas zu senden und dieses Licht durch Fernmeldesignale zu beeinflussen, müsste eine Übertragung zwi­schen zwei Orten möglich sein. Die jahrelangen Versuche führ­ten schließlich zu dem Ergebnis, dass es im Labor gelang, diesen Traum der Wissenschaftler zu verwirklichen.
1975 entschloss sich die Deutsche Bundespost zu einem Großversuch unter Betriebsbedingungen. Als Partner wählte man das Fernmeldeamt 3, das seinen Sitz in der Stresemannstraße am Anhalter Bahnhof hatte, fernmeldemäßig für den Südwesten Berlins zuständig war und sich bereits in den Vorjahren an anderen Be­triebs­versuchen erfolgreich beteiligt hatte. In einer Besprechung am 9. Oktober 1975 fiel die Entscheidung, durch vier deutsche Fernmel­de­firmen Lichtleiterkabel bauen und diese zwischen den Vermitt­­lungsstellen 861 in der Pfalzburger Straße und 821 in der Aßmanns­hauser Straße in Berlin-Wilmersdorf unter praxisnahen Bedin­gungen auslegen und betreiben zu lassen. Beteiligt waren an diesem Versuch das Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen, das Bundesministerium für Forschung und Technologie, das For­schungs­institut des Fernmeldetechnischen Zentralamtes sowie die Fir­men AEG-Telefunken, Siemens AG, Standard-Elektrik-Lorenz AG und TeKaDe und Felten & Guilleaume.
Nach umfangreichen Vorbereitungen bei allen Beteiligten, fiel am 1. Sep­tember 1977 der Startschuss zur Verlegung des ersten Glas­­­­faser­kabels in Kabelkanalanlagen der Deutschen Bundespost. Die Stre­c­ke verlief von der Vermittlungsstelle 861 in der Pfalzburger Stra­ße über die Uhland-, Berliner, Blisse-, Mecklenburgische, Wies­ba­dener und Rüdesheimer Straße zur Vermittlungsstelle 821 in der Aßmannshauser Straße. Da die Trasse sowohl die U-Bahnlinie 3 und die Ringbahn kreuzte als auch über die Schmargendorfer Brücke und unter dem Autobahnzubringer an der Schlangenbader Straße ver­lief, war sichergestellt, dass der Versuch unter extremen Bedin­gungen stattfinden konnte (Einfluss elektromagnetischer Strah­lungen der Bewag-Kabel und der Bahnen, Erschütterungen durch den Straßenverkehr, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen in den Kabelkanalanlagen). Jede Firma errichtete ein vollständiges Über­­tragungssystem mit Sende- und Empfangseinrichtung, Repea­ter (Verstärker) und Glasfaserkabel. Die Firmen hatten u. a. die Auf­gabe, ihre elektro-optischen Wandler zu erproben und zu ergrün­den, mit welcher Technik man am sichersten Glasfasern mitein­an­der verbinden kann. Durch umfangreiche Messprogramme sollten Er­kenntnisse gewonnen werden über den zweckmäßigen Aufbau der Kabel (Belastungen durch Zug beim Einziehen der Kabel, La­ge­rung, Biegeradien), zu erwartende Dämpfungen beim Verbinden der Glasfasern, Veränderungen der optischen Eigenschaften bei Än­de­rung der Wellenlänge des Lichts und weiterer anderer Eigen­schaf­ten. Die Strecken wurden zunächst mit Testsignalen betrieben, spä­ter wurden echte Verbindungen geschaltet, wobei man über ei­ne Glasfaser, die nur die Stärke eines Haares hat, 1400 Telefon­ge­spräche gleichzeitig führen konnte.
Der Versuch, der von der Bundespost mit etwa 10 Millionen D-Mark und vom Bundesforschungsministerium etwa mit der gleichen Sum­me gefördert wurde, brachte viele neue wissenschaftliche, tech­nische und arbeitsorganisatorische Erkenntnisse. Der Erfolg beflü­gelte die Bundespost, einen weiteren Großversuch zu starten, in dem die Aßmannshauser Straße noch mehr im Mittelpunkt stehen sollte. Doch darüber ein andermal.
Wenn wir heute Nachrichten, Daten und Fernsehprogramme über Glas­faserleitungen empfangen, sollten wir daran denken, dass dies      alles vor dreißig Jahren in Wilmersdorf begann.